6.1 MacIntyre: Ein marxistisch-aristotelischer Thomist?

Autor: Yusuf Kuhn - Di., 28.05.2019 - 16:20

MacIntyre verortet seinen Standpunkt mithin in der Tradition der aristotelischen Ethik. Er entzieht sich allerdings einer einfachen Kategorisierung. Denn der Denkweg, der ihn zu Aristoteles führt, nimmt seinen Ausgang bei Marx und führt ihn in späteren Werken weiter zu Thomas von Aquin, ohne die verbindenden Brücken abzubrechen. Dabei treibt ihn die Suche nach Lösungen für die Probleme, die sich im Rahmen des jeweiligen Ansatzes nicht lösen lassen, über diesen hinaus, indem zugleich eine gewisse Kontinuität gewahrt wird.

Im Postskript zur zweiten Auflage beschreibt er After Virtue trefflich als »work still in progress«.1 Diese stets weiter fortschreitende Arbeit zu den Grundfragen des moralischen Denkens wird ihren Ausdruck in weiteren Werken finden und bis heute ungebrochen fortwähren. Darauf wird zurückzukommen sein.

Ließe MacIntyre sich daher als marxistisch-aristotelischer Thomist beschreiben? Wohl kaum, denn auch dies wäre immer noch viel zu schematisch, um seinem lebendigen, kritischen und stets suchenden Denken gerecht zu werden. Christopher Stephen Lutz skizziert in der Einleitung zu seiner Untersuchung zum Begriff der Tradition in der Ethik von MacIntyre den Denkweg, der ihn zu After Virtue führt, und verweist sodann auf mancherlei vergebliche Versuche, ihn in Schablonen einzufangen, die gleichwohl vielsagend sind:

Alasdair MacIntyre brachte die ersten zwei Jahrzehnte seiner Laufbahn mit dem Versuch zu, auf diese Krise in der gegenwärtigen Moralphilosophie von innerhalb des Standpunktes der modernen und postmodernen Moralphilosophie eine Antwort zu finden. Seine Enttäuschung mit dieser Aufgabe führte ihn dazu, einen anderen Ansatz zu versuchen, aus dem die Diagnose des Problems hervorging, das dieses Buch erkundet. MacIntyres Darlegung der Rolle von Tradition in der Ethik zeugt von den Stärken und Unzulänglichkeiten der modernen, postmodernen und klassischen philosophischen Ansätze mit der Autorität von jemandem, der alle drei studiert und allen dreien anzuhängen versucht hat. MacIntyre ist vorgestellt worden als ein marxistischer und liberaler protestantischer Religionsphilosoph, als ein atheistischer Hume-Gelehrter und Ethikhistoriker, als ein unzufriedener Aristoteliker und als ein katholischer Thomist.2

MacIntyres Suche nach Lösungen für Probleme, die sich aus seiner Befassung mit der Krise der modernen Moralphilosophie und des Marxismus, dessen Verfall die Frage nach den Grundlagen für die moralische Ablehnung des Stalinismus aufwarf, ergibt, bringt ihn schließlich zu der Einsicht, dass ein äußerer Standpunkt erforderlich ist, um diese Krise verstehen und Abhilfe in den Blick nehmen zu können. So schreibt er im Prolog zur dritten Ausgabe von After Virtue mit dem Titel After Virtue after a Quarter of a Century (After Virtue nach einem Vierteljahrhundert) im Jahr 2007:

[…] es ist nur möglich, die dominante moralische Kultur der fortgeschrittenen Modernität von einem Standpunkt außerhalb dieser Kultur aus angemessen zu verstehen.3

Hallaq greift die Grundgedanken und die Konzeption von MacIntyre auf, indem er sie in seinem Sinne weiterentwickelt und modifiziert. Kein anderer Denker dürfte in seiner Auseinandersetzung mit der modernen Moralphilosophie in Impossible State auch nur annähernd einen ähnlichen Stellenwert einnehmen. Daher rechtfertigt sich eine ausführliche und gründliche Befassung mit MacIntyres Denken. Sie ist für ein besseres Verständnis von Hallaqs Denken in Impossible State unerlässlich, da dessen Grundstruktur auf diese Weise in besonders deutlichen Konturen hervortritt. Als erste Annäherung ließe sich, freilich grob vereinfachend, sagen, dass Hallaq die Kritik der modernen Moralphilosophie samt der Einsicht in die Notwendigkeit eines äußeren Standpunktes von MacIntyre übernimmt, wobei dieser Standpunkt nicht in der aristotelisch-christlichen, sondern in der aristotelisch-islamischen Tradition verortet wird. An die Stelle von Thomas rückt al-Ghazālī mit seiner islamischen Tugendethik. Diese Charakterisierung ist zwar – es sei erneut betont – grob vereinfachend und in gewissem Maße verzerrend, aber vielleicht als erster Anhaltspunkt gleichwohl erhellend, obschon sich die Analogien auch anders darstellen ließen, wie sich alsbald zeigen wird. Die Übereinstimmungen und Parallelen gehen freilich noch weit darüber hinaus.

  • 1. Alasdair MacIntyre, After Virtue: A Study in Moral Theory, University of Notre Dame Press, 3rd ed., Notre Dame, Indiana, 2007, S. 278. In der deutschen Ausgabe lautet der ganze Satz: »Dieses Buch sollte daher in dieser und anderer Hinsicht als Arbeit gelesen werden, die sich noch im Fortschreiten befindet.« (S. 369).
  • 2. Christopher Stephen Lutz, Tradition in the Ethics of Alasdair Macintyre: Relativism, Thomism, and Philosophy, Oxford, 2004, S. 2.
  • 3. Alasdair MacIntyre, After Virtue: A Study in Moral Theory, University of Notre Dame Press, 3rd ed., Notre Dame, Indiana, 2007, S. ix.