2 Dantes philosophische Theologie

Autor: Yusuf Kuhn - Mi., 14.02.2018 - 15:08

Vielleicht gibt neben dem Titel ein anderer randständiger Text noch weitere Hinweise für die Frage nach Griffels Verortung von al-Ghazālīs Denken im Spannungsfeld zwischen Theologie und Philosophie. Griffel stellt seine Abhandlung unter ein Motto. Darin zitiert er aus Dantes Commedia, im originalen Italienisch. Im gesamten Buch wird Dante keine Erwähnung mehr finden. Was hat Dante also mit al-Ghazālī zu schaffen? Dante ist, laut seinem hervorragenden Ausleger Kurt Flasch, selbst Philosoph und verfügt seinerseits über eine philosophische Theologie, die auch im Motto unüberhörbar anklingt. Spielt Griffel darauf an? Will er damit andeuten, dass al-Ghazālī auf Dante vorausweist? Oder doch zumindest darauf hinweisen, dass beide der selben Traditionslinie angehören? Aber werfen wir zunächst einen Blick auf das Motto selbst. Es lautet in Flaschs Übersetzung »in deutscher Prosa«1:

Die Herrlichkeit dessen, der alles bewegt, durchdringt das Universum und strahlt darin wider, in einem Teil mehr, anderswo weniger.

Es ist der erste Vers im ersten Gesang auf dem Weg ins Paradies (Paradiso, Canto 1, Vers 1). Flasch stellt diesem Gesang folgende erläuternde Einführung voran:

Dante beschreibt das Universum als abgestuften Glanz göttlichen Lichts. Er klagt, wie schwer es sei, vom Paradies zu singen; er ruft Apollo zu Hilfe. – Dante und Beatrice werden vom Gipfel des Läuterungsberges in die Mondsphäre erhoben. Dante will wissen, wie er mit seinem Körper diesen Weg zurücklegen konnte. Beatrice erklärt dies mit der Weltordnung und der Sternenheimat der Seele.

Dies muss uns hier als ganz kurzer Hinweis auf Dantes philosophische Theologie genügen. Wer mehr darüber erfahren möchte, lese das Kapitel ›Gott‹ in Flaschs Einladung, Dante zu lesen.

In Dantes Göttlicher Komödie, wie sie meist genannt wird, kommt al-Ghazālī selbst nicht vor. Aber andere Protagonisten des Kampfes zwischen Theologie und Philosophie, Offenbarung und Vernunft, die auch in Griffels Komödie – denn auch sie hat ein gutes Ende – bedeutende Rollen spielen, erscheinen durchaus in ihrer Szenerie. So beschreibt Dante im 28. Gesang auf dem Weg durch die Hölle eine schauerliche Szene, in der er einem gewissen Mäometto begegnet.2 Flasch stellt folgende Erläuterung voran:

Der neunte Graben mit den Sündern, die Zwietracht säten. Ihre Körper sind zur Strafe zerschlitzt: Mohammed. Pier da Medicina. Beltram dal Bornio.

Nachdem Dante nun einmal von Griffel ins Spiel gebracht wurde, können wir es uns nicht ersparen, genauer zu hören, was er neben wohlklingenden Worten am Eingang zum Paradies über einen derjenigen zu sagen hat, denen dieser Weg nicht nur versperrt ist, sondern der in einem der tiefsten Höllengründe schmort:

Da sah ich einen, aufgeschlitzt vom Kinn bis hinunter, wo man furzt. Kein Faß, das Boden oder Dauben verliert, kann so leck sein wie er. Zwischen den Beinen hingen die Gedärme; die inneren Organe waren sichtbar und auch der traurige Sack, der Scheiße macht aus allem, was man verschluckt. Ich bin ganz in seinen Anblick versunken, da schaute er mich an, riß sich mit der Hand die Brust auf und rief: »Schau, wie zerschlitzt ich bin! Sieh den verstümmelten Mohammed [Mäometto]! Vor mir her geht weinend Ali; sein Gesicht ist gespalten vom Kinn bis zum Schopf. Und all die anderen, die du hier siehst, säten im Leben Zwietracht und Spaltung; darum sind sie hier aufgeschlitzt. Dort hinten steht ein Teufel, der uns so grausam zurichtet. Jeden von dieser Bande unterwirft er der Schärfe seines Schwertes, wenn wir die Straße der Schmerzen umrundet haben, denn die Wunden schließen sich wieder, bevor einer von uns wieder vor ihm vorbeikommt. (Inferno, Canto 28, Vers 22-42; Flaschs Übersetzung)

Ist das der Platz, den Dantes philosophische Theologie der islamischen Offenbarung und einem ihrer Propheten zuweist?Griffel ruft mit dem Dante-Motto unweigerlich diese Erinnerung wach. Viel besser ergeht es da den Vertretern der griechischen Philosophie und den muslimischen Denkern in deren Tradition. Im Vergleich dazu wird ihnen in der Vorhölle geradezu ein vornehmer Ehrenplatz zugewiesen. Flasch führt den vierten Gesang der Hölle folgendermaßen ein:

Dante erwacht im Limbus, dem ersten Kreis der Hölle für ungetaufte Kinder und ungetaufte Gerechte. Sie treffen die großen Dichter, sie betreten die vornehme Burg der antiken und der arabischen Großen.

Wie ergeht es da also denen, die im Gegensatz zu manchen anderen Wissenschaft und Kunst ehren?

[…] Wir kamen an den Fuß einer vornehmen Burg. Sie war siebenfach umringt von hohen Mauern, und ringsum beschützte sie ein schöner kleiner Fluß. Diesen überschritten wir wie feste Erde; durch sieben Tore trat ich ein mit diesen Weisen; wir erreichten eine Wiese mit frischem Grün. Menschen blickten dort mit langsamen und ernsten Augen, von großer Würde in ihrer äußeren Erscheinung; sie sprachen wenig, mit sanfter Stimme. […]
Als ich dann die Brauen ein wenig hob, sah ich den Meister [Aristoteles] derer, die wissen, in der Familie der Philosophen sitzen. Alle bewundern ihn, alle erweisen ihm Ehre. Hier sah ich Sokrates und Platon, die ihm näherstehen als die andren, Demokrit, der die Welt auf Zufall setzt, Diogenes, Anaxagoras und Thales, Empedokles, Heraklit und Zeno; ich sah den tüchtigen Erforscher der Heilpflanzen, ich meine Dioskorides, und ich sah Orpheus, Cicero, Linus und den Moralphilosophen Seneca, den Geometer Euklid und Ptolemäus, Hippokrates, Avicenna und Galen, Averroes, der den großen Kommentar schuf. Ich kann nicht von allen in Fülle berichten, denn mein großes Thema jagt mich so sehr voran, daß das Sagen oft zurückbleibt hinter der Sache. (Inferno, Canto 4, Vers 94-147; Flaschs Übersetzung)

Der Meister, dessen Name nicht genannt wird, ist Aristoteles, der Philosoph schlechthin. Und zu seinen Schülern, die dadurch ausgezeichnet sind, dass sie wissen, gehören auch die muslimischen Philosophen Avicenna und Averroes. Mit vielen anderen sitzen sie um den Meister versammelt in der Familie der Philosophen. In diesem Bild abwesend ist al-Ghazālī, der für Dante offenbar nicht zu diesem erlauchten Kreis zählt. Wie Dante al-Ghazālī letztlich verortet, lässt sich dem freilich nicht entnehmen. Er hätte durchaus dazu zählen können. Denn das Schicksal al-Ghazālīs aus europäischer Sicht in diesem Spannungsfeld zwischen Offenbarung und Vernunft, Theologie und Philosophie war wechselhaft. Einst galt er den Lateinern als großer Philosoph. Er war ihnen einmal selbst ein Avicenna. Später verfiel er dem Verdikt, der Verderber und Vernichter der Philosophie im islamischen Denken gewesen zu sein. Nun hat sich das Blatt jedoch wieder gewendet, und er soll in des Meisters Familie der Philosophen, aus der man ihn verstoßen hatte, wieder aufgenommen werden. Daran arbeitet auch Griffel, indem er al-Ghazālī als Verpuppung von Avicenna und mithin Aristoteles erweisen möchte. Dass Griffel seinem Buch ein Zitat aus Dantes Commedia als Motto vorausschickt, lässt seine Auslegung von al-Ghazālīs Denken als philosophischer Theologie in einem dadurch gefärbten Licht erscheinen.