1 Philosophische Theologie?

Autor: Yusuf Kuhn - Mi., 14.02.2018 - 15:07

Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage, führt allerdings zu einem erstaunlichen Befund: Der Ausdruck »philosophische Theologie« (philosophical theology) kommt im gesamten Text des Buches, abgesehen vom Titel, genau ein einziges Mal vor. So prominent er im Titel figuriert, so sparsam wird er im Text selbst verwendet. Und selbst an dieser Stelle, wo er nun tatsächlich einmal vorkommt, findet sich nicht die gesuchte Erklärung. Sehen wir näher zu, was Griffel also an der betreffenden Stelle in der Einführung des Buches schreibt:

Dieses Buch geht an das Thema von al-Ghazālīs philosophischer Theologie von zwei Seiten heran, indem es eine eingehende Untersuchung sowohl seines Lebens als auch seiner Lehren über die Kosmologie bietet. (Griffel, S. 7)

Das Buch unternimmt also, al-Ghazālīs philosophische Theologie von zwei Gesichtspunkten, seinem Leben wie auch seiner Kosmologie, her zu untersuchen. Was dabei indes philosophische Theologie heißen mag, hält Griffel einer weiteren Erläuterung nicht für bedürftig, vermutlich weil es ihm als selbstverständlich erscheint. Auch im Kontext dieser Aussage gibt es jedenfalls keine weiteren Hinweise darauf. Ich betone das auch, um von Anfang an auf eine Beobachtung hinzuweisen, die sich immer wieder eingestellt hat, nämlich dass zentrale, insbesondere philosophische Begriffe in diesem Buch nur sehr spärlich, wenn überhaupt eingeführt und erläutert werden. Vielmehr scheint angenommen zu werden, dass deren Bedeutung vorgegeben und darüber hinaus der dadurch aufgespannte Begriffsrahmen umstandslos zum Einfangen von al-Ghazālīs Denken geeignet sei. Dass ein vorgefertigtes Netz über einen so vielschichtigen und facettenreichen Denker wie al-Ghazālī gestülpt wird, ist umso staunenswerter, als dieser eine Kritik der Philosophie entwickelt hat, die doch zumindest so weit ernst genommen zu werden verdient, dass zunächst die Frage aufgeworfen werden müsste, ob die als vermeintlich selbstverständlich vorgegebenen Begriffe überhaupt zur Anwendung kommen dürfen. Meist handelt es sich dabei um Begriffe aus dem Denken in der Tradition der griechischen und europäischen Philosophie, die unreflektiert und unbegründet auf das Denken in der islamischen Tradition einfach übertragen werden.

In dem Fall, mit dem wir uns gerade beschäftigen, geht es um zwei ursprünglich griechische Begriffe – Philosophie und Theologie -, die schon im Rahmen des europäischen Denkens selbst sicherlich zu den strittigsten gehören, was durch ihre Verbindung in philosophische Theologie nur potenziert werden kann. Zudem ist ihre Übertragung auf das islamische Denken im allgemeinen und al-Ghazālī im besonderen höchst problematisch, da genaue Entsprechungen in Wort, Begriff und Bedeutung gar nicht so leicht auszumachen sind oder gar gänzlich fehlen. Für Philosophie ließe sich noch das davon abgeleitete arabische Wort falsafa anführen, das jedoch in einem viel engeren Sinn gebraucht wird. Für Theologie, vom griechischen Ursprung her als logos des theos, hingegen lässt sich gar keine Entsprechung finden. Zwar wird kalām (wörtlich: Rede) häufig mit Theologie übersetzt, was indes meist insofern gedankenlos geschieht, als deren Bedeutungsgleichheit trotz aller Verschiedenheit kurzerhand und ungeprüft vorausgesetzt wird. Eine ernsthafte Untersuchung, die nicht auf eingewurzelten Schematisierungen und Vorurteilen basieren will, hätte allererst eine ganze Reihe von Fragen hinsichtlich der verwendeten Begriffsraster zu klären. Sonst lauert allerorten die Gefahr des Un- und Missverstehens durch Projektion von bewussten oder unbewussten Voraussetzungen, wenn nicht gar die systematische Verzerrung im Sinne ideologischer und materieller Interessen im Rahmen eines Herrschaftsgefüges betrieben wird.

Wird durch die unkritische Übertragung bestimmter philosophischer Begriffe, die meist der Tradition der griechischen Philosophie entstammen, ins islamische Denken nicht vorausgesetzt, was erst zu untersuchen wäre? Steckt im Begriff der Philosophie nicht bereits ein bestimmter Begriff der Weisheit und der Liebe zu derselben? Sowie im Begriff der Theologie nicht ein bestimmter Begriff Gottes (theos) und der vernünftigen Aussage (logos) über ihn? Kann eine Untersuchung einem Denker wie al-Ghazālī, der all diese Begriffe selbst grundsätzlich und kritisch verhandelt, gerecht werden, die Begriffe aus dem Diskurs der griechisch-europäischen Philosophie fraglos und unreflektiert auf diesen projiziert? Wir wollen uns hier auf diese Andeutungen beschränken. Freilich gilt Entsprechendes für viele weitere Begriffe wie Ontologie, Epistemologie, Kosmologie etc., die ebenso häufig wie unbedacht im gleichen Kontext zur Anwendung gebracht werden. Für eine genauere und breitere Erörterung dieser Frage ist indes hier nicht der Ort.

Aus dem Titel und der Suche nach dessen Bedeutung ergibt sich also vorerst nicht sehr viel mehr als, aber eben immerhin doch, die These, dass al-Ghazālī eine »philosophische Theologie« entwickelt habe, also eine Theologie, die letztlich Philosophie sei. Denn das ist doch wohl die minimale Bedeutung, die dem Ausdruck philosophische Theologie auch ohne Erläuterung entnommen werden kann. Mit anderen Worten: al-Ghazālī ist ein als Theologe verkleideter Philosoph.

Und welcher Philosoph steckt da im Theologen? Griffel meint: »Avicenna« (Ibn Sīnā). Er spricht dies in der Einführung mit aller Deutlichkeit aus.

Diese Studie argumentiert, dass al-Ghazālīs Theologie und Philosophie eine besondere Art von Avicennismus sind. (14)

Damit erfahren wir zwar immer noch nicht, was Theologie und Philosophie sein sollen, aber immerhin so viel, dass al-Ghazālīs philosophische Theologie weitgehend mit der von Avicenna gleichgesetzt wird, und damit wohl auch mit der von Aristoteles, da deren Nähe zueinander nicht nur unverkennbar ist, sondern von Griffel auch immer wieder herausgestrichen wird. Und al-Ghazālī hebt seinerseits ebenfalls hervor, wie sehr Avicenna der Tradition der aristotelischen Philosophie verhaftet ist.

Freilich vollzieht sich diese Etikettierung als »philosophische Theologie« vor dem nicht immer deutlich ausgesprochenen, aber vielfach insinuierten Hintergrund der Unterscheidung zweier grundsätzlich verschiedener und einander entgegengesetzter Arten von »Theologie«: einerseits der philosophischen, die auf Vernunft gründet, und andererseits der unphilosophischen, die auf Offenbarung gründet. Diese Dichotomie samt all ihrer Verästelungen und Implikationen bildet also die Voraussetzung für die von Griffel vertretene These vom »Theologen« al-Ghazālī, der sich unter seinem wissenschaftlich durchdringenden Blick als avicennistischer »Philosoph« entpuppt. Und wie sich die vorausgehende Verpuppung der Gegensätze vollzog, davon handelt Griffels Untersuchung. Aber könnte al-Ghazālī diese vermeintlich fundamentale Entgegensetzung, nicht zuletzt kraft seiner Kritik der Philosophie, womöglich unterlaufen haben? Doch eilen wir nicht zu weit voraus. Noch sind wir in unserer Betrachtung ja kaum über den Titel hinausgekommen, der trotz seiner dürftigen Aufklärung im Text selbst schon einige wichtige Aufschlüsse liefert.