6.2.5 V. Die Welten der Allmacht, der Souveränität und des Königtums

Autor: Yusuf Kuhn - Fr., 13.11.2020 - 13:30

Zweiter Gesichtspunkt. Diese Leute betrachten die Intellekte und die Seelen, deren Existenz die Philosophen erweisen, nicht als Teil der Welt der Schöpfung. Sie interpretieren (fassara) vielmehr die Welt der Schöpfung als die Welt der Körper [seiend], auf der Grundlage der Tatsache, dass Erschaffen Bestimmen (taqdīr) ist und dass die Körper bestimmte Maße (muqaddarāt) haben. Auf der Grundlage de[r] Prinzip[ien] dieser Philosophen und jener, die mit ihnen darin übereinstimmen, sagen diese auch, dass die Intellekte und die Seelen nicht Körper sind. Sie sind ihnen zufolge vielmehr die Welt des Befehls. Genauso wie sie sagen, was Abū Ḥāmid [al-Ghazālī] an [verschiedenen] Orten über den Unterschied zwischen der Welt des Königtums (mulk), der Souveränität (malakūt) und der Allmacht (dschabarūt) feststellt. Sie interpretieren die Welt des Königtums als die Welt der Körper, die Welt der Souveränität als die Welt der Seelen, weil sie das Innere der Körper sind, und die Welt der Allmacht als die Intellekte, weil sie nicht mit den Körpern verbunden sind und auch nicht ihnen anhaften […]

Das ist der Grund, weshalb sie sagen, dass sich niemand vor Adam niedergeworfen hat außer den irdischen Engeln, und mit »Niederwerfung« meinen sie die Unterwerfung dieser Mächte unter den Menschen, wie [gesagt wird] in Die Juwelen des Qurʾān. [Darin] sagte [al-Ghazālī]:

Was die [göttlichen] Handlungen anbelangt, so sind sie ein Meer von unermesslichen Grenzen und deren Seiten nicht durch [irgendeine] Erkundung erreicht werden. In der Existenz gibt es vielmehr nichts außer Gott und Seinen Handlungen. Jedes andere Ding außer Ihm ist Seine Handlung.

Ich sage: Solche Worte werden als groß erachtet, ohne Zögern oder absolut, von jemandem, der die wirkliche Natur (ḥaqīqa) dessen nicht kennt, was der Gesandte gebracht hat, und der die wirkliche Natur der Philosophie nicht kennt, auf die diese Worte angewandt werden und die mittels der Ausdrücke der Muslime ausgedrückt wird.

Der Qurʾān handelt von den Geschöpfen,1 d.h. jenen, die den Sinnen erscheinen. Nun ist aber die edelste der Handlungen Gottes, was den Sinnen nicht erscheint. – Diese Bemerkung besagt, dass der Qurʾān nicht von letzterem handelt. In einer solchen [Feststellung] liegt eine Herabsetzung des Wertes des Qurʾān, indem behauptet wird, dass er von dem mangelhaften Teil [der Schöpfung] handelt und nicht von dem vollkommenen, und indem die Anhänger der Häresie zur Verachtung dessen gedrängt werden, was der Gesandte gebracht hat. Überdies ist es eine klare Lüge: [sogar] die Kinder der Muslime wissen, dass es eine Lüge über den Qurʾān ist. Im Qurʾān gibt es fürwahr ebenfalls, als Unterrichtungen über das Unsichtbare (ghayb) – die Engel und die Dschinn, den Garten und das Feuer usw. -, Dinge, die vor niemandem verborgen sind […]

[Die edelsten Handlungen Gottes] beinhalten auch die irdischen Engel, in deren Obhut die Menschheit ist. Sie sind diejenigen, die sich vor Adam niedergeworfen haben.Vorzugeben, dass die Engel der Himmel und die Cherubine sich nicht vor Adam niedergeworfen haben, heißt etwas zu sagen, was am weitesten entfernt ist von dem, was die Muslime, die Juden und die Nazarener (Christen) sagen. Der Qurʾān hat [uns] wahrlich unterrichtet, dass sich alle Engel zusammen niedergeworfen haben [...]2 Die Cherubine sind gemäß ihrem konventionellen Vokabular (iṣṭilāḥ) die zehn Intellekte […]

Diese [Cherubine] schenken den adamischen Wesen keine Beachtung. Diese Feststellung gehört zu den Aussagen der irregehenden Philosophen. Unter den Anhängern der Sunna und der Gemeinschaft ist wohlbekannt, dass die Propheten und die Freunde [Gottes] vorzüglicher sind als alle Engel. [Sie schenken nichtsdestotrotz den anderen Menschen Beachtung…]

[Die göttlichen Handlungen] schließen auch die Satane ein, denen Macht über die Menschheit verliehen ist. Es sind sie, die sich weigerten, sich niederzuwerfen. Dies ist ebenfalls falsch. Von der Art jener wurde keinem geboten, sich niederzuwerfen, außer Iblīs. Und nicht einem von seinen Nachfahren wurde geboten, sich vor Adam niederzuwerfen. Wie können sie da damit beschrieben werden, dass sie sich in der erwähnten Weise weigerten? […]

[Die Cherubine sind] versunken in der Schönheit der [göttlichen] Gegenwart und Majestät. Was da gesagt wird gehört zum Genre der ekstatischen Ausbrüche (ṭāmma). Es gehört zu dem Genre dessen, was manche Sufis »Auslöschung« (fanāʾ) nennen, d.h. das Versinken des Herzens im Wahren, bis es nicht mehr irgendeines bewusst ist mit Ausnahme Seiner. Es ist [jedoch] wohlbekannt, und die Leute sind sich darin einig, dass der Zustand des Bestehens (baqāʾ) vollkommener ist als [jener der] Auslöschung, und es ist der Zustand der Propheten, der Gesandten und der nahegerückten Engel. Es ist bekannt, dass die Gesandten die vorzüglichsten der Geschöpfe sind. Nun laden sie die Diener ein zu Gott, dem Erhabenen, [zu gehen] und unterweisen sie, jihād gegen sie zu führen, Nahrung zu essen und auf den Märkten umherzugehen. Wenn jener Zustand [der Versunkenheit] vollkommener wäre, würden Leute, die nicht [als Gesandte] geschickt worden sind, vollkommener sein als die Gesandten! Solch eine [Idee] geht gegen die Religion der Muslime, der Juden und der Nazarener, aber entspricht der Religion der ābiʾanischen Übertreiber (ghāliya) – die Philosophierenden, die den Philosophen als vorzüglicher erachten als den Propheten und den Gesandten – und dem Zustand [228] der dschahmitischen Unionisten, die den Freund oder das Siegel der Freunde als vorzüglicher erachten als die Gesandten. Nun ist aber wohlbekannt, dass dies etwas Nichtiges und Unglaube für die Muslime ist. Was seine Aussage betrifft:

Erachte es nicht als unwahrscheinlich, dass es unter den Dienern Gottes, des Erhabenen, manche gibt, welche die Majestät Gottes, des Erhabenen, davon abhält, Adam und seinen Nachfahren Beachtung zu schenken. – Dies ist kein Attribut der Vollkommenheit. Im Gegenteil, »[die Engel] lobpreisen Seinen grenzenlosen Ruhm bei Nacht und bei Tag und lassen (darin) niemals nach.«3 Gleichwohl verwalten sie, von den Angelegenheiten der Geschöpfe, das, was ihnen zu verwalten geboten ist. Gott, der Erhabene, hat den Engeln geboten, sich vor Adam niederzuwerfen, und sie warfen sich allesamt nieder außer Iblīs […]

[»Gott hat eine weiße Erde, in der die Bahn der Sonne dreißig Tage dreißig Mal wie die Tage dieser Welt sind, voller Geschöpfe, die nicht wissen, dass Gott, dem Erhabenen, auf der Erde gehorcht wird, und nicht wissen, dass Gott, der Erhabene, Adam und Iblīs erschaffen hat.« Überliefert von Ibn ʿAbbās.] Der Hadith, den [al-Ghazālī] nach Ibn ʿAbbās anführt, gehört zu den erfundenen, falschen [Überlieferungen]. Die Leute des Wissens sind darin einer Meinung, und es ist in keinem der zuverlässigen Hadith-Bücher zu finden. Diese Worte, oder etwas Ähnliches, finden sich lediglich in einem Abschnitt von4 Über Denken (tafakkur) und Betrachten (iʿtibār) von Ibn Abī ad-Dunyā.5 [231] Zudem meinen jene [Philosophierenden], dass dieser Hadith, aus Sicht der Kosmographie (ʿilm al-hayʾa), falsch ist.6

Ibn Taymiyyas zweites Argument gegen die philosophierenden Interpretationen des sogenannten Hadith »Das erste [Ding] (awwalu), das Gott erschuf, war der Intellekt…« hebt einen Widerspruch hervor: Wie konnte der Intellekt erschaffen worden sein, da für diese Philosophen Intellekte und Seelen nicht zur Welt der Schöpfung gehören? Sie beschränken in der Tat die Welt der Schöpfung auf Körper und sind der Ansicht, dass Seelen und Intellekte zwei andere spezifische Welten bilden, nämlich einerseits die Welt der Souveränität (malakūt) und andererseits die Welt der Allmacht (dschabarūt). Dem Damaszener Theologen zufolge teilt Abū Ḥāmid tatsächlich eine solche dreifache Unterteilung des Universums, und in Dschawāhir führt ihn dies dazu, verschiedene Affirmationen zu machen, die manchen »groß« erscheinen mögen, aber in Wirklichkeit schwerwiegende philosophische Entstellungen der Religion sind. Ibn Taymiyya gibt eine Reihe von Seiten aus Dschawāhir wörtlich wieder und spießt ein paar Fälle von solchen ghazālischen Entstellungen auf. Sie laufen darauf hinaus, den Wert des Qurʾān herabzusetzen, die Rolle der Engel (einschließlich ihrer Niederwerfung vor Adam) falsch darzustellen, der mystischen Auslöschung (fanāʾ) den Vorzug über das Bestehen (baqāʾ) und die Sorge für die Welt zu geben sowie die Überlegenheit und Vollkommenheit der Propheten und Gesandten zu leugnen. Und, das Tüpfelchen auf dem i, al-Ghazālī hat einen weiteren fehlerhaften Hadith zitiert…

So interessant alle diese besonderen Kritiken an sich sein mögen, so reichen sie nicht bis ins Herz von Ibn Taymiyyas Unzufriedenheit mit al-Ghazālī, d.h. werfen nicht die Frage nach dem Wesen der exegetischen Methode des letzteren auf. Dies geschieht im Folgenden, wenn der Damaszener Theologe den Dschawāhir im Bughya zitiert, in seinem achten Gesichtspunkt.


1al-khalq B: al-dschalī minhā J mit jenen [Handlungen Gottes], die beobachtbar sind... Die von Ibn Taymiyya verwendete Ausgabe des Dschawāhir ist hier offensichtlich fehlerhaft. Er kürzt vier Zeilen von al-Ghazālīs Text.

2Siehe Qurʾān, al-Baqara, 2:34.

3Qurʾān, al-Anbiyāʾ, 21:20.

4min: fīhi B

5Abū Bakr ʿAbd Allāh ibn Abī ad-Dunyā (gest. Baghdād, 281/894), Moralist und gebildeter Gelehrter, Tutor von mehreren ʿabbāsidischen Prinzen.

6Ibn Taymiyya, Bughya, S. 218–231.