6.2.2 II. Das erste [Ding], das Gott erschuf…

Autor: Yusuf Kuhn - Fr., 13.11.2020 - 13:27

Es ist erstaunlich, dass jene, die eine Synthese zwischen dem göttlichen Gesetz und der griechischen peripatetischen Philosophie herstellen wollen, diesen Hadith als ihre hauptsächliche Referenz (ʿumda) hinsichtlich der Grundlagen der Religion, des Wissens und der Verwirklichung [der Wahrheit] (taḥqīq) genommen haben. Dieser [Hadith] ist erfunden (mawḍūʿ), und doch haben alle jene ihn abgeändert und [ihn] berichtet [als] »Das erste [Ding] (awwalu), das Gott erschuf, war der Intellekt (al-ʿaqlu). Er sagte zu ihm: ›Wende dich vorwärts.‹« Sie nahmen dies als ein Argument (ḥudschdscha) und erachteten es als eine Entsprechung zu dem, was [180] die peripatetischen Philosophen – die Nachfolger von Aristoteles – vorbringen, wenn sie sagen: »Das erste der [Dinge], die aus dem Notwendigen Existierenden emanieren, ist der erste Intellekt

Dies verbreitete sich in den Worten von vielen der späteren [Denker], nachdem sie es in den Büchern [mit dem Titel] Die Sendschreiben der Ikhwān aṣ-Ṣafāʾ gesehen hatten. Diese Sendschreiben sind in der Tat die hauptsächliche Referenz jener [Leute]. [181] Sie fanden auch etwas Ähnliches in den Worten von Abū Ḥāmid [al-Ghazālī], an [verschiedenen] Stellen seiner Werke – obwohl gesagt wird, dass er davon abgeschworen hat. Danach fand es Eingang in die Worte von denjenigen, die diesen Pfad beschritten, unter den Dschahmiten und den Philosophen – jenen, die von der Einheit der Existenz sprechen, und anderen.

Er ist jedoch aus verschiedenen Gesichtspunkten nichtig. Einer von ihnen ist, dass dieser Hadith in seinem Wortlaut und mit dieser Endbeugung (iʿrāb) von keinem der Hadith-Überlieferer berichtet worden ist, weder mit einer gesunden Kette von Überlieferern noch mit einer fehlerhaften. Der Wortlaut des Hadith, der berichtet wird – wenn auch mit einer fehlerhaften Kette -, ist vielmehr: »Als (awwala) Gott den Intellekt (ʿaqla) erschuf…«, wobei awwala und ʿaqla mit dem a des Akkusativs enden. Nun gibt es darin aber kein Argument, dass der Intellekt das Geschöpf war, das als erstes erschaffen wurde.1

Als Teil dieser Widerlegung der Philosophierenden (mutafalsifa), die diese Art von »prophetischen« Sprüchen missbrauchen, fügt der Damaszener Theologe lange Auszüge aus vier Büchern al-Ghazālīs in den Bughya ein. Nach der Anführung dieser Zitate hat er immer etwas über sie zu sagen: entweder greift er ein paar kleine Passagen heraus, reproduziert sie als Lemmata und kommentiert sie kurz oder er stellt ausführlichere Überlegungen an. Er kann auch beides tun, und jedenfalls folgt er in der Tat nicht einem geraden, konsistenten, systematischen Pfad. Es ist, als könnte er dem Vergnügen einer Kritik oder eines Exkurses nicht widerstehen. Daher ist er wiederholt gezwungen, seine Leser an seine hauptsächliche Absicht zu erinnern, indem er beispielsweise sagt al-maqṣūd hunā. . .: »Das Ziel hier ist…« Was also ist sein Ziel? Es besteht darin, die philosophischen Auslegungen und esoterischen Hermeneutiken der kanonischen oder unauthentischen Schriften, die von al-Ghazālī und seinen Schülern befördert werden, infragezustellen, als ungültig zu erweisen und ihrer Berechtigung zu berauben.


1Ibn Taymiyya, Bughya, S. 179-181.