4.2 Falsches Verständnis der Moral

Autor: Yusuf Kuhn - Di., 28.05.2019 - 15:54

Wir wollen nun versuchen, Prichards Argumentation in ihrem Kern und in aller Kürze zu skizzieren. Für seine These, dass das aus der Frage, warum etwas, das wir für eine Pflicht halten, tatsächlich unsere Pflicht ist, entspringende Verlangen nach Beweisen oder Gründen auf einem völlig falschen Verständnis der Moral basiert, bringt Prichard im wesentlichen zwei Arten von Argumenten vor.

Die Ansicht, dass etwas eine Pflicht ist, wird erstens in der Moralphilosophie einerseits damit begründet, dass es den Neigungen und Interessen entspricht oder zum Glück führt. Doch dies läuft darauf hinaus, dass die in Frage stehende Pflicht gar nicht als Pflicht im eigentlichen Sinne betrachtet wird. Denn wenn sie aus Neigung oder Interesse verrichtet wird, wird sie eben nicht als eine Pflicht getan. Andererseits kann als Begründung angeführt werden, dass die Verrichtung einer Handlung ein Gut oder etwas Gutes hervorbringt. Doch dagegen lässt sich erwidern, dass aus dem Umstand, dass etwas gut ist, keineswegs folgt, dass es eine Pflicht ist, es herbeizuführen. Diese Argumente Prichards scheinen von einer begrenzten Auswahl von möglichen Arten der Begründung auszugehen, ohne die sie ihre Stichhaltigkeit einbüßen würden.

Die zweite Art von Argument besteht vor allem in einer Berufung auf das, was uns schon bewusst sein müsste. Denn die Wahrnehmung einer Pflicht soll unmittelbar und unreflektiert erfolgen, ohne dass dafür Gründe erforderlich sind. Und nur im Sinne eines solchen Intuitionismus gibt es nach Prichard Moralphilosophie, die dadurch auf eine Wiederholung des ohnehin vorhandenen moralischen Wissens zusammenschrumpft. Von verschiedenen Kritikern des Intuitionismus wird zudem der Einwand vorgebracht, dass es Prichard und manchen anderen Vertretern des Intuitionismus, an jeglichem historischem Sinn mangelt, da sie dazu tendieren, Platon, Kant und sich selbst als Teilnehmer an einer einzigen moralphilosophischen Debatte mit einem einzigen Thema sowie mit einem beständigen und unwandelbaren Vokabular zu behandeln.1

Die Aufgabe der Moralphilosophie kann diesem intuitionistischen Ansatz zufolge jedenfalls nicht darin bestehen, spezifische Inhalte der Moral zu begründen. Und an der Aufgabe, den Pflichtcharakter vorgegebener Inhalte gegen aufkommende Zweifel zu rechtfertigen, kann sie nur scheitern.

In der Argumentation, die Prichard zu diesem Schluss führen, lassen sich nach Kurt Bayertz2 drei Thesen unterscheiden. Die erste besteht in der Identifikation des moralischen Sollens mit einem Gefühl der Verpflichtung, das sich, eine gelungene moralische Erziehung vorausgesetzt, unmittelbar und spontan als Intuition einstellt, ohne dass es eines Prozesses des Reflektierens oder des bewussten Denkens bedürfte. Die zweite These besagt, dass das Gefühl der Verpflichtung an eine ganz bestimmte Situation oder Lage gebunden ist. Dieses spontane Gefühl stellt sich eben nur in einer konkreten Situation ein. Das entsprechende Gefühl kann nicht durch Reflexion erzeugt werden. Vielmehr zeigt sich in seinem Ausbleiben ein Mangel an moralischer Erziehung. Und deren Versäumnisse können der dritten These zufolge nicht durch moralphilosophische Gründe gewissermaßen nachträglich kompensiert werden. Die einzige Möglichkeit zu einer Klärung in einem solchen Zweifelsfall besteht darin, sich tatsächlich in die entsprechende Situation zu begeben oder sich zumindest in sie geistig hineinzuversetzen, um sich der moralischen Intuition zu überlassen. Prichard beschreibt dies so:

Das einzige Mittel, diesen Zweifel zu beseitigen, liegt darin, daß wir uns in eine Situation begeben, die diese Verpflichtung nach sich zieht, oder - falls unsere Phantasie stark genug ist - uns vorstellen, wir wären in dieser Situation, und dann die moralischen Fähigkeiten unseres Denkens das ihre tun lassen. Oder, um der Sache eine allgemeine Form zu verleihen: Wenn wir tatsächlich daran zweifeln, ob es wirklich eine Verpflichtung gibt, A in einer Situation B herbeizuführen, dann liegt das Mittel, diesen Zweifel zu beseitigen, nicht in irgendeinem generellen Denkprozeß, sondern in der unmittelbaren Konfrontation mit einem speziellen Beispiel für die Situation B und der darauffolgenden direkten Erkenntnis der Verpflichtung, in dieser Situation A herbeizuführen. (Prichard, S. 68)

  • 1. Vgl. dazu Alasdair MacIntyre, A Short History of Ethics. A History of Moral Philosophy from the Homeric Age to the Twentieth Century, London, 1998 (Erste Auflage 1967), S. 162. 2Siehe Kurt Bayertz, Warum überhaupt moralisch sein?, München, 2014, Kap. 16.
  • 2. Siehe Kurt Bayertz, Warum überhaupt moralisch sein?, München, 2014, Kap. 16.