2.5 Die Vermeidung des Konflikts zwischen Vernunft und Offenbarung

Autor: Yusuf Kuhn - Do., 06.08.2020 - 10:27

Eines der wichtigsten Anliegen von Ibn Taymiyya war die Vermeidung des Konflikts zwischen Vernunft und Offenbarung. So lautet auch der Titel eines seiner bedeutendsten Werke: Darʾ taʿārudh al-ʿaql wa an-naql (Vermeidung des Konflikts von Vernunft und Offenbarung).

Darin wird die Position der Mutakallimun zu dieser Frage unter dem Stichwort al-qānūn al-kullī (allgemeine Regel) oder qānūn at-taʾwīl (Regel der Interpretation) behandelt. Die Mutakallimun gehen davon aus, dass das, was durch die Überlieferung erkannt wird, nicht im Einzelnen durch die Vernunft bestätigt werden kann. Daher muss die Gültigkeit der Offenbarung als Ganzes durch die Vernunft erwiesen werden. Der Inhalt der Offenbarung einerseits und die Wahrhaftigkeit des Propheten und seiner Botschaft andererseits sind zwei strikt voneinander getrennte Dinge. Die Gültigkeit der Offenbarung hängt daher davon ab, dass mit Gewissheit bewiesen wird, dass der Prophet tatsächlich von Gott gesandt wurde und dass der Prophet selbst sowie das von ihm übermittelte Wissen als Ganzes wahrhaftig sind.

Um den Mutakallimun zufolge die Offenbarung als Quelle des Wissens zu bestätigen, bedarf es somit einer Begründung durch die Vernunft. Da rationale Beweise mithin als notwendige Voraussetzung für die Anerkennung der Autorität der Offenbarung gelten, folgt daraus die Priorität der Vernunft. Dadurch werden die möglichen Bedeutungen des Inhalts der Offenbarung eingeschränkt. Und wenn es zu einem Widerspruch zwischen dem überlieferten Text der Offenbarung (naql) und den Geboten der Vernunft (ʿaql) kommt, muss der Vernunft der Vorrang eingeräumt und der betreffende Text entsprechend interpretiert werden (taʾwil). Das kann beispielsweise durch eine allegorische Auslegung erfolgen.

Der qānūn at-taʾwīl kommt den Mutakallimun zufolge also im Falle eines Konflikts von Vernunft und Offenbarung zum Einsatz, wenn es ein rationales Gegenargument (muʿāridh ʿaqlī) gibt, das der wörtlichen oder äußeren Bedeutung des offenbarten Textes widerspricht. Da die Gültigkeit der Offenbarung als von einem rationalen Beweis abhängig erachtet wird, muss der Beleg der Offenbarung hinter diesen Beweis zurücktreten. Denn sonst würde die rationale Grundlage für die Gültigkeit der Offenbarung insgesamt erschüttert. Das ist die Position der Mutakallimun.

Ibn Taymiyya hingegen bestreitet schon die Möglichkeit eines Konfliktes zwischen Vernunft und Offenbarung, da seiner Ansicht nach menschliches Wissen nicht in Widerspruch zur Wahrheit der Offenbarung treten kann. Sein Projekt sieht daher eine auf Offenbarung gestützte Rationalität vor.

Er unterscheidet Beweise oder Belege (adilla; Sing. dalīl) dabei auf andere Weise, als dies im Kalam mit der Klassifizierung in die beiden übergeordneten Kategorien von aqlī (vernünftig) und naqlī (überliefert, offenbart) geschieht. An die oberste Stelle treten die Kategorien von der Offenbarung entsprechenden gültigen Belegen (al-adilla asch-scharʿiyya) im Gegensatz zu neuernden bzw. unzulässige Neuerungen einführenden Belegen (al-adilla al-bidʿiyya). Die gültigen Belege können sodann rational (aqlī), überliefert (naqlī) oder beides zugleich sein.

Die unterschiedlichen Weisen der Klassifizierung eines Belegs (dalīl) durch die Mutakallimun und Ibn Taymiyya veranschaulicht Özervarli in folgendem Diagramm:

 


Schaubild 1: Özervarli, S. 85.

 

Als Beispiel für einen gültigen Beleg, der zugleich rational wie auch überliefert ist, nennt Ibn Taymiyya eine āya (Vers) aus dem Koran (41:53), die auf »Zeichen an den Horizonten und in ihnen selbst« verweist, also auf Belege, die der Betrachtung des Universums und der menschlichen Natur selbst entnommen sind. Für Ibn Taymiyya besteht kein Zweifel daran, dass diese Belege, die von der Beobachtung der Schöpfung abgeleitet sind, rational sind.

Der genannte Koranvers lautet vollständig in Muhammad Asads Übertragung in Die Botschaft des Koran1:

Beizeiten werden Wir sie Unsere Botschaften voll verstehen lassen (durch das, was sie wahrnehmen) an den äußersten Horizonten (des Universums) und in sich selbst, so daß es ihnen klar werden wird, daß diese (Offenbarung) fürwahr die Wahrheit ist. (Dennoch,) genügt es nicht (daß sie wissen), daß dein Erhalter über alles Zeuge ist? (Koran, 41:53)

In Ibn Taymiyyas Klassifikation gibt es keine scharfe Trennung von rationalen und überlieferten Beweisen. Sie bestehen vielmehr nebeneinander und ergänzen sich gegenseitig. Sie sind komplementäre Bestandteile des Wissens.

Vernunft kann nach Ibn Taymiyya der Offenbarung nicht widersprechen. Denn durch den Nachweis der Wahrhaftigkeit des Propheten bestätigt die Vernunft die Gewissheit der Offenbarung. Wenn also die Vernunft mit offenbartem Wissen in Konflikt geriete, würde die Vernunft ihre eigenen Schlussfolgerungen, nämlich die Wahrhaftigkeit der Offenbarung, negieren. Zu behaupten, dass die Vernunft die Gültigkeit der Offenbarung bestätigen und zugleich bestimmten Teilen von ihr widersprechen kann, führt zu einem logischen Widerspruch. Dadurch würde der Status der Vernunft als Quelle des Wissens für ungültig erklärt und damit einhergehend das Vertrauen in die Offenbarung erschüttert werden.

Überdies ist das Negieren irgendeines Teiles des Inhalts der Offenbarung auch eine indirekte Verwerfung der Autorität der Vernunft, da viele klare und gewisse rationale Belege wiederum diesen Inhalt beweisen.

Ibn Taymiyya stellt auch die vorgebliche Sicherheit der rationalen Beweise und der Vernunft im allgemeinen, wie sie im Kalam verstanden werden, in Frage. Einer der Gründe dafür ist die unübersehbare Vielfalt gegensätzlicher, ja widersprüchlicher Auffassungen, zu denen die Anwendung der vermeintlich rationalen Methoden der Mutakallimun geführt haben, z.B. hinsichtlich der Attribute Gottes.

Nach Ibn Taymiyya sollte nicht die Rationalität allein der Maßstab sein, sondern an erster Stelle die Gewissheit stehen. Demjenigen Beweis sollte der Vorrang gegeben werden, der gewiss (qatʿī) ist. Wenn sich zwei Beweise widersprechen, sollte derjenige mit einem höheren Grad an Gewissheit vorgezogen werden, unabhängig davon, ob er rational oder überliefert ist.

Ibn Taymiyya führt dazu aus:

Es wird gesagt, dass es, wenn zwei Beweise einander widersprechen, seien sie offenbart oder rational, oder einer offenbart und der andere rational, dann sein muss, dass entweder beide gewiss oder beide konjektural sind oder einer gewiss ist und der andere konjektural. Wenn beide gewiss sind, seien sie rational oder offenbart, oder einer rational und der andere offenbart, ist es nicht [logisch] möglich, dass sie einander widersprechen. Darin sind sich alle Leute der Vernunft einig, weil ein gewisser Beweis die Gültigkeit dessen aufzeigt, worauf er verweist, und seine Ungültigkeit unmöglich macht. Wenn daher zwei gewisse Beweise einander widersprechen würden, und einer dem widersprechen würde, was der andere aufzeigt, so würde dies die Verbindung zweier Gegensätze verlangen, was [logisch] unmöglich ist. Wann immer man einen scheinbaren Widerspruch zwischen zwei Beweisen findet, die als gewiss gelten, dann folgt notwendig daraus, dass beide Beweise oder mindestens einer von ihnen nicht gewiss ist; oder dass die beiden Gegenstände, die aufgezeigt werden, einander nicht widersprechen. [...] Wenn jedoch [nur] einer der widersprüchlichen Beweise Gewissheit liefert, dann ist gemäß dem Konsens der Leute der Vernunft seine Priorität notwendig ungeachtet dessen, ob der Beweis offenbart oder rational ist, da Vermutung Gewissheit nicht überwiegt. (86-87; Ibn Taymiyya, Darʾ taʿārudh, 1:79)

Die Inhalte der Offenbarung ermangeln nicht einer rationalen Grundlage. Widersprüche treten dann auf, wenn das rationale Argument nicht stimmig oder wenn eine Überlieferung unsicher und zweifelhaft ist. Dies kann im Falle des Koran und der authentischen Sunna nicht eintreten, da ihr Status gesichert ist, wohingegen rationale Argumente überprüft werden müssen.

Ibn Taymiyya kritisiert auch den Einsatz der (Re-)Interpretation (taʾwīl) durch die Mutakallimun. Deren Definition von taʾwīl als »die Verwendung einer sekundären Bedeutung für ein besseres Verstehen des Textes« stimmt nicht mit dessen ursprünglicher Bedeutung überein. Die frühen Koranausleger und Salaf hatten unter taʾwīl nur das Erklären des Textes und die Klärung seiner Bedeutung (tafsīr al-kalām wa bayān maʿnāhu) verstanden, was unproblematisch ist, da es nur auf ein besseres Verstehen des Textes abzielt.

Demgegenüber verstehen die Mutakallimun unter taʾwīl die Ersetzung der gebräuchlicheren oder wahrscheinlicheren Bedeutung eines Wortes durch eine weniger gebräuchliche oder wahrscheinliche (sarf al-lafz min al-ihtimāl al-rādschih ilā al-ihtimāl al-mardschūh), wenn die primäre Bedeutung Schwierigkeiten bereitet. Für Ibn Taymiyya entspricht dieses Verfahren, das sich von der allgemein üblichen Bedeutung entfernt, nicht der wahren Bedeutung von taʾwīl.

Ibn Taymiyya erkennt an, dass taʾwīl auch den Verweis auf eine Wahrheit (al-haqīqa allati yuʾawwal al-kalām ilayhā) bezeichnen kann. Dieser Sinn bezieht sich auf koranische Beschreibungen des jenseitigen Lebens, wobei der taʾwīl nur Allah und denjenigen, die Er darüber in Kenntnis setzte, bekannt ist. Es steht aber nicht den Mutakallimun zu, die Erkenntnis der verborgenen Bedeutung zu beanspruchen. Sie schreiben dem Text vielmehr Bedeutungen zu, die möglicherweise nicht der Intention Allahs entsprechen, was einer Abänderung (tahrīf) gleichkommt.

Die im Koran genannten Attribute Allahs sollten überhaupt nicht interpretiert werden, auch wenn sie gewisse Ähnlichkeiten mit menschlichen Eigenschaften aufweisen. Denn die Attribute Allahs unterscheiden sich völlig von menschlichen Eigenschaften, so dass der Gebrauch dieser Ausdrücke zur Beschreibung Allahs, der durch die Beschränktheit der menschlichen Sprache erforderlich ist, nicht anthropomorph ist. Von der metaphysischen (verborgenen) Welt mittels der Sprache dieser Welt zu sprechen, bedeutet nicht, eine Ähnlichkeit zwischen den beiden zu unterstellen. Alle Attribute Allahs sollten daher nicht interpretiert werden, im Gegensatz zur Praxis der Mutakallimun, die manche interpretieren und andere nicht.

Ibn Taymiyya verwirft allerdings Interpretation (taʾwīl) nicht völlig, sondern bezieht sie auf die in āya 3:7 beschriebenen Verse, die mehrdeutig, dunkel oder äquivok (mutaschābihāt) sind.2 Es sollte dabei nicht angenommen werden, dass die Kenntnis der Bedeutung dieser Verse einzig Allah zukommt (tafwīd). Denn der Koran wurde von Allah herabgesandt, um verstanden und befolgt zu werden. Daher muss sein Inhalt erkennbar sein, mit Ausnahme der mehrdeutigen Verse, die ein höheres Maß an Wissen und Gelehrsamkeit voraussetzen. Ibn Taymiyya empfiehlt deshalb, sich um das Verstehen und Erklären des Koran zu bemühen, solange gewährleistet ist, dass die Bedeutungen nicht abgeändert werden.


1Siehe Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran. Übersetzung und Kommentar, Aus dem Englischen übersetzt von Ahmad von Denffer und Yusuf Kuhn, Düsseldorf, 2009.

2Siehe Koran 3:7 in der Übersetzung von Muhammad Asad: »Er ist es, der dir von droben diese göttliche Schrift erteilt hat, Botschaften enthaltend, die klar in und durch sich selbst sind, – und diese sind die Essenz der göttlichen Schrift – wie auch andere, die allegorisch sind. Nun gehen jene, deren Herzen zum Abweichen von der Wahrheit geneigt sind, demjenigen Teil der göttlichen Schrift nach, der in allegorischer Weise ausgedrückt worden ist, suchen aus (was bestimmt) Verwirrung (erzeugt) und suchen seine endgültige Bedeutung (auf willkürliche Weise zu erlangen); aber keiner außer Gott kennt seine endgültige Bedeutung. Darum sagen jene, die tief im Wissen verwurzelt sind: "Wir glauben daran; das Ganze (der göttlichen Schrift) ist von unserem Erhalter – wiewohl sich dies keiner zu Herzen nimmt außer jenen, die mit Einsicht versehen sind.« (Siehe Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran. Übersetzung und Kommentar, Aus dem Englischen übersetzt von Ahmad von Denffer und Yusuf Kuhn, Düsseldorf, 2009, S. 106-107.)