2.4 Infragestellung der Legitimität des Kalam: Was sind die usūl ad-dīn?

Autor: Yusuf Kuhn - Do., 06.08.2020 - 10:26

Özervarli macht darauf aufmerksam, welche zentrale Rolle in Ibn Taymiyyas Denken sein Verständnis des Begriffs usūl ad-dīn (etwa: Grundlagen der Religion) spielt. Die Mutakallimun verwandten diesen Ausdruck, um den Gegenstand ihrer Wissenschaft des Kalam zu bezeichnen. Ibn Taymiyya war jedoch der Auffassung, dass die wahren usūl ad-dīn sich davon grundsätzlich unterscheiden. Denn richtig verstanden kommen die usūl ad-dīn von Allah und beinhalten alle notwendigen Grundlagen, auch die rationalen. Sonst hätte die Offenbarung wesentliche Aspekte des Islam vermissen lassen, was seinem Verständnis des Islam zufolge unmöglich ist.

Der Koran und die Sunna bieten rationale Beweise, die den philosophischen Beweisen überlegen sind und diese überflüssig machen. Die im Kalam als usūl ad-dīn beispielsweise vorgebrachten Erklärungen der Attribute Gottes oder der kosmologische Gottesbeweis haben hingegen keine Grundlage in der Offenbarung und können daher nicht als usūl ad-dīn gelten. Der Kalam stützt sich nicht auf die koranische Methode und führt zudem Begriffe der aristotelischen Philosophie wie Körper (dschism), Substanz (dschawhar), Akzidens (ʿaradh) und Attribut (sifa) ein, deren Vereinbarkeit mit der Offenbarung höchst zweifelhaft ist.

Ibn Taymiyya führt dazu aus:

Diese [Grundlagen], die sie usūl ad-dīn nennen, sind in Wirklichkeit nicht Teil der usūl ad-dīn, die Allah Seinen Dienern vorgeschrieben hat […] Wenn verstanden wird, dass das, was usūl ad-dīn im Gebrauch derjenigen, die diesen Ausdruck verwenden, genannt wird, in Unbestimmtheit und Ambiguität besteht, die durch äquivoke Setzung und technische Begriffe verursacht wird, (limā fīhi min al-ischtirāk bihasab al-awdhāʿ wa al-istilāhāt) wird offenkundig, dass die von Allah, Seinem Gesandten und Seinen Gläubigen anerkannten usūl ad-dīn das sind, was vom Propheten überliefert wurde.

Für jeden, der eine Religion ohne die Erlaubnis Allahs stiftet, gilt, dass die erforderlichen usūl ad-dīn nicht vom Propheten überliefert werden konnten. Denn eine solche Religion ist ungültig, [die] von ihr erforderten [Grundlagen] sind ebenfalls ungültig. (81; Ibn Taymiyya, Darʾ taʿārudh, 1:41)1

Ibn Taymiyya kritisiert auch die Überdehnung der Bedeutung von Begriffen, die wie beispielsweise hudūth (Entstehen) oder tawhīd (Einzigkeit Gottes) dem Kontext der Offenbarung entnommen werden, um sodann jedoch mit philosophischen Bedeutungen aufgeladen zu werden. Ibn Taymiyya weist diese Bedeutungsverschiebungen, die vom ursprünglichen Sinn wegführen, in vielen Fällen nach.

Die Offenbarung verwendet diese Worte in Übereinstimmung mit der Weise, in der sie von den Arabern verstanden wurden, an die sie in der Absicht, eine klare Botschaft zu vermitteln, gerichtet waren. Die in Kalam und Philosophie begrifflich zugerichteten Ausdrücke unterscheiden sich so grundsätzlich vom koranischen Sprachgebrauch, dass sie nicht als Teil der wahren usūl ad-dīn angesehen werden können.

Darüber hinaus stellt Ibn Taymiyya fest, dass die Methoden des Kalam zu allerlei Verwirrung führen, da jede Kalam-Schule oder sogar jeder einzelne Mutakallim verschiedene Themen und Begriffe in die usūl ad-dīn eingeführt hat und zu jeweils einander widersprechenden Schlussfolgerungen gelangt ist, was zu endlosen Debatten führte. Angesichts der Vielzahl konkurrierender und sich gegenseitig ausschließender Anschauungen erscheint der Anspruch der Mutakallimun auf Gewissheit in ihrer Erkenntnis in einem eigentümlichen Licht.

Ibn Taymiyya bemerkt dazu:

Einige Mutakallimun behaupten, dass alle Fragen der Überlieferung (al-masāʾil al-khabariyya), die sie Fragen der Grundlagen [der Religion] nennen mögen, mit Gewissheit bewiesen werden müssen. Sie behaupten daher, dass es nicht erlaubt ist, in diesen Fragen ohne einen Beweis, der Gewissheit bringt, Überlegungen anzustellen. Und sie verlangen von jedem, in allen diesen Fragen Gewissheit zu erlangen. Aber was sie in solchen unbeschränkten und umfassenden Begriffen sagen, ist falsch, steht im Gegensatz zu Buch, Sunna und Konsens der Salaf und Imame. Zudem sind sie selbst am weitesten von dem entfernt, was sie verlangen, da die Beweise, die viele von ihnen für gewiss halten, falsch sind oder auf Vermutungen beruhen. (82; Ibn Taymiyya, Darʾ taʿārudh, 1:52)

Wenn ihre Ansichten dem Koran widersprechen, so fährt Ibn Taymiyya fort, bezeichnen sie die betreffenden Verse als mehrdeutig oder ambig (mudschmal oder mutaschābih) und interpretieren sie gemäß ihren vorgefassten Theorien. Da auf diese Weise den eigentlichen usūl ad-dīn etwas hinzugefügt oder diese abgeändert werden, greift Ibn Taymiyya zu einer sehr harten Verurteilung, indem er von usūl dīn asch-schaytān (Grundlagen der Religion des Satans) spricht. Damit will er zum Ausdruck bringen, dass es sich somit um eine andere Religion als den Islam handelt.

Zu den Widersprüchen, in denen sich die Mutakallimun verfangen, rechnet Ibn Taymiyya auch ihre Praxis, ihren jeweiligen Rivalen mit dem Vorwurf des kufr (takfīr; Nicht-Islam) zu begegnen. Obgleich sie davon ausgehen, dass sie sich auf ein rein rationales Verfahren stützen, gebrauchen die Mutakallimun den Ausdruck takfīr, der in den Bereich der Offenbarung und des religiösen Rechts gehört. Zudem geschieht dies im Kontext einer Debatte über Einzelheiten der rationalen Beweisführung, auf den die Bezichtigung des kufr ohnehin keine Anwendung finden sollte.

Dazu legt Ibn Taymiyya dar:

Es ist erstaunlich, dass die Mutakallimun sagen, dass die usūl ad-dīn, deren Leugnung kufr impliziert, allein auf der Basis der Vernunft zu erkennen sind, während sie all das, was nicht durch die Vernunft allein erkannt wird, als Belange der Offenbarung (asch-scharʿiyyāt) betrachten. Das ist die Methode der Muʿtaziliten, Dschahmiten und derjenigen, die ihnen folgen, wie die Schüler des Autors von al-Irschād [al-Dschuwaynī].

Es sollte zu ihnen gesagt werden, dass dieses Argument aus zwei Teilen besteht: Erstens, usūl ad-dīn werden durch die Vernunft allein erkannt, nicht Belange der Offenbarung; zweitens, jeder, der diese Grundlagen leugnet, ist ein kāfir [Nicht-Muslim]. Diese Prämissen, die schon an sich ungültig sind, sind auch noch widersprüchlich. Wenn etwas durch die Vernunft allein erkannt wird, bedeutet dessen Leugnung nicht kufr im religiösen Sinn. Denn es gibt nichts in den Belangen der Offenbarung, das bestimmt, dass die Verwerfung von etwas, das allein durch die Vernunft erkannt wird, kufr gleichkommt. Die einzige Ursache für kufr ist eine Leugnung dessen, was vom Propheten überliefert wurde, oder eine Weigerung, ihm zu folgen, während seine Wahrhaftigkeit bekannt ist. (83; Ibn Taymiyya, Darʾ taʿārudh, 1:242)


1Ibn Taymiyya, Darʾ taʿāruḍ al-ʿaql wa-n-naql aw muwāfaqat ṣaḥīḥ al-manqūl li-ṣarīḥ al-maʿqūl, Hg. M. R. Sālim, 11 Bände, Riyadh: Dār al-Kunūz al-Adabiyya, 1979.